NW-2026-2FD7 · Fachartikel
CO₂-Transport bei CCS: Wann Projekte scheitern
CCS-Projekte scheitern oft nicht an der Abscheidung, sondern an fehlendem Zugang zu Transport und Speicher. Für Werkleiter zählt deshalb die belastbare Gesamtkette vor jeder Capture-Freigabe.
Veröffentlicht 18.03.2026
Kurzfassung
- CCS steht und fällt nicht mit dem Abscheider allein. Ohne gesicherten Zugang zu Transport und Speicher fehlt die wirtschaftliche und regulatorische Grundlage.
- Die EU-Kommission treibt 2026 den Markt- und Rechtsrahmen für CO₂-Transport und CO₂-Speicherung voran. Das hilft mittelfristig, ersetzt aber heute keinen konkreten Anschlussvertrag.
- Für deutsche Werke ist deshalb nicht die Frage „Kann ich CO₂ abscheiden?“, sondern „Wer übernimmt mein CO₂ ab welchem Datum zu welchen Bedingungen?“
- Ihr Business Case muss Capture, Verdichtung, Zwischenlagerung, Transporttarif, Speicherentgelt, Auslastung und Haftungsgrenzen zusammenrechnen.
- Wenn Pipeline- oder Schiffszugang nur als Absichtserklärung vorliegt, ist das kein belastbarer Freigabegrund für Capex.
- Besonders kritisch sind Standorte mit kleiner CO₂-Menge, hoher Unsicherheit, großem Abstand zu Hubs oder unklarem Zeitfenster für die Netzanbindung.
- Prüfen Sie CCS wie andere Infrastrukturthemen auch: ähnlich wie beim Netzanschluss statt Technik scheitern Projekte oft nicht an der Kerntechnik, sondern an der fehlenden Systemanbindung.
Der Engpass liegt nicht am Abscheider
Der Druck steigt aus drei Richtungen. Erstens verschärft sich der Kosten- und Regulierungsrahmen für CO₂-intensive Produktion. Zweitens baut Europa die Märkte und Regeln für Transport und Speicherung erst auf. Drittens brauchen Investitionsentscheidungen am Werk heute einen belastbaren Zeitplan, nicht erst 2030.
Genau hier scheitern viele CCS-Projekte. Nicht die Abscheidung allein entscheidet, sondern die vollständige Kette aus Capture, Transport und Speicherung. Wer den Infrastrukturteil als spätere Beschaffungsaufgabe behandelt, genehmigt Capture-Capex, obwohl der Abtransport offen ist.
Die Europäische Kommission beschreibt im Rahmen des Industrial Carbon Management den Aufbau eines Marktes für CO₂-Transport und -Speicherung bis 2030. Parallel startete sie 2025 eine öffentliche Konsultation zu CO₂-Märkten und Infrastruktur. Das Signal ist klar: Die EU sieht Transport und Speicher nicht als Nebenthema, sondern als zentrale Voraussetzung für industrielle Dekarbonisierung.
Das ist kein Spezialfall einzelner Branchen. In Zement, Kalk, Chemie und Teilen der Grundstoffindustrie entstehen CO₂-Ströme, die sich technisch abscheiden lassen, aber nur dann einen belastbaren Business Case ergeben, wenn die Kette vollständig ist. Für die Zementindustrie ist das besonders sichtbar, weil prozessbedingte Emissionen bleiben. Dazu passt auch unser Beitrag zu Zement dekarbonisieren: Kosten und Technologien.
Gleichzeitig konkurriert CCS intern mit anderen Dekarbonisierungspfaden um Capex. Wenn Elektrifizierung, Brennstoffwechsel oder Effizienzmaßnahmen denselben Emissionsbeitrag mit geringerer Infrastrukturabhängigkeit liefern, kippt die Priorität. Genau diese Abwägung behandeln wir auch in Grüne Mehrkosten in Technologieentscheidungen.
Woran Freigaben tatsächlich hängen
CCS ist am Standort nur dann ein Investitionsprojekt, wenn drei Glieder geschlossen sind:
- Capture am Werk
- Transport per Pipeline, Schiff, Bahn oder Lkw in einer realistischen Übergangslogik
- Dauerhafte Speicherung mit vertraglich gesichertem Zugang
Fällt eines dieser Glieder aus, ist CCS am Standort kein Investitionsprojekt, sondern bestenfalls eine Beobachtungsoption.
Für die Freigabe reicht technische Machbarkeit der Abscheidung allein nicht. Werkleiter müssen vor Capex mindestens vier belastbare Nachweise einfordern:
- Einen realistischen Pfad zum nächsten Sammelpunkt oder Exportterminal
- Ein Datum, ab dem Transportkapazität tatsächlich verfügbar ist
- Ein Modell für Tarife, Mengenbänder und Auslastung
- Einen Speicherpfad mit klarer Verantwortung für Annahme, Monitoring und Haftung
Fehlt einer dieser Punkte, sollten Sie das Projekt nicht mit Capture-Kennzahlen schönrechnen. Das Umweltbundesamt rechnet in seinen Projektionen CCS-Pfade nicht nur über die Abscheidung, sondern inklusive Transport und Speicherung. Genau so muss auch Ihre Investitionslogik aussehen.
Warum der Business Case erst mit der Gesamtkette stimmt
Viele Vorstudien unterschätzen CCS, weil sie nur den Capture-Teil sauber modellieren. Für die Werkentscheidung zählt aber die Vollkostenlogik pro vermiedener Tonne CO₂.
Dazu gehören mindestens:
- Capex für Abscheidung, Verdichtung, Trocknung und Standortintegration
- Opex für Energie, Lösungsmittel, Wartung und Personal
- Kosten für Zwischenpuffer und Verladung
- Transporttarife in EUR/t CO₂
- Speicherentgelte in EUR/t CO₂
- Kosten aus Mindestauslastung, Take-or-pay oder Mengenabweichungen
- Kosten aus Verzögerungen zwischen Capture-Start und Infrastrukturverfügbarkeit
Gerade dieser letzte Punkt wird oft verdrängt. Wenn Ihre Anlage 2029 fertig wäre, der Transportzugang aber erst 2032 mit Unsicherheit verfügbar ist, tragen Sie drei Risiken gleichzeitig: gebundenes Capex, operative Unterauslastung und regulatorischen Druck auf die Restemissionen.
Für CFO und Werkleiter ist deshalb eine einfache Frage entscheidend: Was kostet die vermiedene Tonne CO₂ im Basisszenario, wenn Transport und Speicher nicht ideal, sondern nur teilweise ausgelastet verfügbar sind? Wenn der Business Case nur unter Vollauslastung und ohne Anlaufverluste trägt, ist er schwach.
Das gilt auch im Vergleich zu anderen Pfaden. Ein Projekt mit niedrigerem theoretischem Vermeidungspreis kann real schlechter sein, wenn es an externer Infrastruktur hängt. Diese Logik ähnelt der Frage, wann ein industrieller PPA 2026 wirklich freigabefähig ist: Nicht der Zielpreis allein entscheidet, sondern die Belastbarkeit der Lieferkette und Vertragsstruktur.
Wann Infrastrukturzugang zum harten No-go wird
Besonders kritisch sind Standorte mit kleiner CO₂-Menge, hoher Unsicherheit, großem Abstand zu Hubs oder unklarem Zeitfenster für die Netzanbindung. Dort kippt ein CCS-Projekt oft nicht schrittweise, sondern abrupt.
Diese Einschätzung setzt voraus:
- Der Standort kann CO₂ in planbaren Mengen und ausreichender Reinheit bereitstellen.
- Ein Transportpfad per Pipeline oder Schiff ist in 2 bis 5 Jahren real erreichbar.
- Für den Speicherzugang existiert mehr als ein politisches Signal, idealerweise ein belastbarer Vermarktungspfad.
- Das Werk bewertet CCS gegen Alternativen mit identischem Zeithorizont und gleichem CO₂-Preis.
- Interne Freigaben verlangen einen Vollkostenvergleich in EUR/t CO₂ statt nur Capture-Capex.
Die kritischen Risiken liegen selten in der Abscheidungstechnik selbst. Sie liegen in den Schnittstellen:
- Der geplante Hub verschiebt sich um 12 bis 24 Monate.
- Die Mindestmenge für wirtschaftlichen Transport liegt über Ihrem realen CO₂-Strom.
- Die CO₂-Qualität passt nicht zu den Annahmekriterien des Transporteurs.
- Der Speichervertrag deckt Ihr Startjahr nicht ab.
- Das Werk braucht Zwischenlagerung, hat dafür aber weder Fläche noch Genehmigung.
- Der Tarif steigt, wenn Ankerkunden ausfallen oder der Hochlauf langsamer läuft.
Wenn zwei oder mehr dieser Punkte offen sind, ist fehlender Infrastrukturzugang sehr wahrscheinlich der eigentliche Ausschlussgrund.
Welche Fragen vor einer Capture-Freigabe beantwortet sein müssen
Prüfen Sie vor jeder Capture-Freigabe diese Fragen:
- Welcher konkrete Transportpfad ist für unseren Standort vorgesehen?
- Gibt es dafür einen belastbaren Inbetriebnahmetermin oder nur politische Absicht?
- Welche Mindestmenge in t CO₂ pro Jahr verlangt der Transportzugang?
- Passt unser Lastprofil zu diesem Mengenband oder schwankt es zu stark?
- Welche CO₂-Spezifikation verlangt der Transporteur, und was kostet deren Einhaltung?
- Ist Zwischenlagerung am Standort technisch und genehmigungsrechtlich möglich?
- Wer trägt das Risiko, wenn Transport oder Speicher später starten als unsere Capture-Anlage?
- Liegt ein indikatives Tarifmodell für Transport und Speicherung in EUR/t CO₂ vor?
- Wie verändert sich der Business Case bei 70 statt 90 Prozent Auslastung?
- Welche Alternative hat das Werk, wenn der Speicherzugang nicht rechtzeitig kommt?
- Ist Aufschub wirtschaftlich robuster als ein früher Fehlstart mit gebundenem Capex?
- Welche internen Freigabekriterien machen Infrastrukturzugang zu einem harten No-go?
Wenn Sie mehr als drei dieser Fragen heute nicht belastbar beantworten können, ist das kein Reifegradproblem des Teams. Es ist ein Hinweis darauf, dass das Projekt zu früh ist.
Welche Entscheidung jetzt sinnvoll ist
Aus diesen Fragen folgen zwei sehr unterschiedliche Situationen.
Wenn Zugang gesichert ist
Dann lohnt die nächste Stufe. Konkret heißt das:
- Vollkostenmodell mit Sensitivitäten für Tarif, Auslastung und Starttermin aufbauen
- Schnittstellen zwischen Capture, Verdichtung, Logistik und Speicher vertraglich durchdeklinieren
- Genehmigungs- und Flächenbedarf für Puffer, Verladung und Energieversorgung absichern
- Freigabe nur mit klaren Stop-or-go-Meilensteinen erteilen
Wenn Zugang nicht gesichert ist
Dann haben Sie drei robuste Optionen:
- Projekt stoppen. Sinnvoll, wenn weder Transportpfad noch Speicherzugang innerhalb des Investitionsfensters plausibel sind.
- Projekt verschieben. Sinnvoll, wenn ein Hub oder Exportpfad real kommt, aber Ihr Timing noch nicht passt.
- Pfad wechseln. Sinnvoll, wenn Elektrifizierung, Brennstoffwechsel oder Lastmanagement schneller und mit weniger externer Abhängigkeit Emissionen senken.
Ein verschobenes Projekt ist nicht automatisch ein verlorenes Projekt. Aber ein zu früh freigegebenes CCS-Projekt bindet Capex, Managementzeit und Glaubwürdigkeit im Werk.
Wenn Sie CO₂-Transport bei CCS für einen Standort in 6 bis 10 Wochen als No-go, Wartefall oder Freigabecase einordnen wollen, prüfen Sie zuerst die Entscheidungskriterien in unserem Vorgehen und die Unterstützungsschwerpunkte unter Leistungen. Der sinnvolle nächste Schritt ist keine allgemeine Machbarkeitsstudie, sondern eine frühe Infrastruktur- und Vertragsprüfung mit klaren Stop-or-go-Kriterien.
Quellen
- European Commission — Commission launches public consultation on CO2 markets and infrastructure, 2025-10-06
- European Commission — Legislative framework - Industrial Carbon Management, Stand 2026
- Umweltbundesamt — Treibhausgas-Projektionen 2025 für Deutschland, 2025-11
SC-06.01 · Erstgespräch

Gesprächspartner
Lars Schellhas van Kisfeld
Titel
M.Sc. RWTH Aachen
Rolle
Geschäftsführer, Schellhas Consulting
Fokus
Investitions-, Effizienz- und Technologiepfade für produzierende Unternehmen
Was steht wirklich zur Entscheidung? 30 Minuten, um das herauszufinden.
Das Ergebnis: ein schriftlicher Decision Check mit der eigentlichen Freigabefrage, den relevanten Tragfähigkeits- und Kipppunktdimensionen und einem konkreten nächsten Schritt. Ohne Projektauftrag.
Format
30 Minuten
Ziel
Freigabefrage eingrenzen
Ergebnis
Decision Check
Im ersten Gespräch hören wir zu, was gerade auf die Marge drückt oder welche Option sich auftut. Danach ist klar, welche Investition, welcher Effizienzhebel oder welcher Technologiepfad zuerst auf den Tisch muss — und Schellhas Consulting schickt Ihnen einen schriftlichen Decision Check.
- Welche Investition, Effizienzoption oder Technologiefrage liegt konkret auf dem Tisch?
- Was macht die Entscheidung schwierig — Kostenvolatilität, Technologierisiko oder regulatorisches Timing?
- Was wäre ein nützliches Ergebnis externer Unterstützung?