NW-2026-368D · Fachartikel
Keramikofen elektrifizieren: Vollstrom oder Hybrid?
Wienerbergers Italcer-Deal zeigt einen elektrischen Keramikofen als realen Pfad. Für die Freigabe im Werk bleibt aber offen, ob Vollstrom oder Hybrid trägt.
Veröffentlicht 28.04.2026
Wienerberger hat mit der Italcer-Übernahme einen 100 Prozent elektrischen Ofen öffentlich sichtbar gemacht. Damit ist die technische Machbarkeit im Keramiksektor nicht mehr die offene Frage. Im Werk bleibt der Konflikt trotzdem bestehen: Vor der nächsten Ofenfreigabe müssen Umbau, Stillstandsfenster, Netzanschluss und künftige Stromkosten zusammen tragen. Eine falsche Entscheidung bindet den Standort über Jahre.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob ein elektrischer Keramikofen grundsätzlich funktioniert, sondern ob im konkreten Umbau Vollstrom heute schon wirtschaftlich trägt oder ob Hybrid die robustere Option bleibt.
Kurzfassung
- Ein elektrischer Keramikofen ist kein technisches Experiment mehr, sondern im Markt als Referenzfall sichtbar.
- Daraus folgt aber noch kein belastbarer Business Case für jedes Werk. Der Unterschied liegt in Strompreis, Lastprofil, Umbaufenster und Auslastung.
- Vollstrom ist vor allem dann stark, wenn Netz und Anschlussleistung früh gesichert sind und die Linie mit hoher Auslastung läuft.
- Hybrid verdient im Umbau meist mehr Aufmerksamkeit als in der öffentlichen Debatte, weil er Emissionsminderung mit geringerer Opex-Unsicherheit verbindet.
- Warten ist nur dann sinnvoll, wenn zentrale Vorbedingungen offen sind: Netz, Transformator, Versorgungssicherheit oder belastbare Lastdaten.
- Ein Basisszenario mit nur einem Strompreispfad reicht für die Freigabe nicht.
Warum diese Frage beim Werkleiter landet
Die Ofenfrage ist keine reine Technologieentscheidung. Sie läuft beim Werkleiter zusammen, weil dort Capex mit Stillstandsrisiko, Produktqualität und laufenden Betriebskosten, also Opex, kollidiert. Der CFO sieht die Wirtschaftlichkeit, die Energieseite sieht das Lastprofil, die Produktion sieht Ausschuss- und Anlaufrisiken. Entscheiden muss am Ende trotzdem jemand für eine Linie, nicht für ein Modell.
Welche Entscheidung wirklich dahintersteht
Im Umbau wird nicht zwischen alter und neuer Technik gewählt, sondern zwischen drei Architekturen: Vollstrom jetzt, Hybrid als Brückenpfad oder bewusstes Warten, bis eine Vorbedingung geklärt ist. Diese Logik ähnelt anderen Hochtemperaturprozessen: Auch beim Glasschmelzofen entscheidet selten die Laborfrage, sondern die Reihenfolge von Infrastruktur, Umbau und Kostenannahmen.
Der öffentliche Italcer-Fall verschiebt die Debatte deshalb nur teilweise. Er zeigt, dass ein 100 Prozent elektrischer Ofen real existiert. Er beantwortet aber nicht die Freigabefrage eines anderen Werks mit anderem Netz, anderer Ofengeometrie, anderer Produktmischung und anderem Lastgang. Genau hier liegt der Denkfehler vieler Umbau-Diskussionen: Aus einer Referenz wird zu schnell eine Standardempfehlung.
Woran der Pfad trägt oder kippt
Vollstrom trägt nur dann, wenn vier Punkte zusammenpassen. Erstens muss die Stromkostenlogik auch in schwachen Marktphasen tragfähig bleiben. Zweitens muss die zusätzliche elektrische Last ohne operative Verrenkungen in das Werk passen. Drittens darf die Linie nicht so volatil gefahren werden, dass der elektrische Pfad seine Wirtschaftlichkeit über geringe Vollbenutzungsstunden verliert. Viertens muss der Reifegrad für das konkrete Keramiksegment und die konkrete Produktionsführung belastbar genug sein.
Das Joint Research Centre der Europäischen Kommission, kurz JRC, ordnet die Transformation der EU-Keramikindustrie genau entlang solcher Unterschiede ein: Emissionsquellen, Minderungskosten und Reifegrade sind nicht einheitlich. Cerame-Unie argumentiert parallel, dass Elektrifizierung in energieintensiven Industrien nur mit tragfähigen Strompreisen und verlässlichen Flexibilitätsbedingungen skaliert. Für Werkleiter heißt das nüchtern: Nicht der elektrische Brenner ist der Engpass, sondern die Kosten- und Systemlogik dahinter.
Darum kippt die Rechnung oft im Opex, nicht im Image. Wer nur mit einem Strompreis rechnet, unterschätzt das Downside-Risiko. Wer nur auf Emissionsminderung schaut, blendet Lastspitzen, Netzentgelte und Anlaufverluste aus. Der relevante Maßstab ist Robustheit über mehrere plausible Preis- und Auslastungspfade.
Was die Integration im Werk verlangt
Im Werk beginnt die eigentliche Arbeit vor der Freigabe. Zuerst muss klar sein, welche Anschlussleistung der Ofen im realen Fahrplan braucht und wie sich diese Last über Vorwärmung, Haltezeiten und Produktionswechsel verteilt. Danach geht es um Transformator, Anschluss, Schutztechnik und mögliche Verstärkungsschritte. Wer diesen Pfad zu spät startet, verliert Zeit am falschen Ende. Genau das zeigt auch der Beitrag Netzanschluss statt Technik: Wann Elektrifizierung am Netz scheitert.
Der zweite Engpass ist das Umbaufenster. Ein Vollstrom-Umbau verlangt meist weniger Toleranz für offene Detailfragen, weil Energieversorgung, Regelung und Produktionsanlauf enger gekoppelt sind. Hybrid kann hier ein Vorteil sein: Er reduziert das Risiko, dass ein einzelner Infrastrukturengpass die gesamte Linie verzögert.
Drittens braucht die Entscheidung bessere Daten, nicht mehr Meinungen. Relevant sind Lastprofil, Auslastungsannahmen, Stillstandskosten, verfügbare Redundanz und die Frage, wie stark die Linie auf Strompreissignale reagieren kann. Für angrenzende Fälle in der industriellen Wärme lohnt der Blick auf Industrielle Prozesswärme: Wann lohnt Elektrifizierung 2026?.
Wie Vollstrom, Hybrid und Warten gegeneinander stehen
Hybrid ist im Umbau oft die robustere Standardoption, auch wenn Vollstrom die sauberere Schlagzeile liefert. Der Grund ist einfach: Hybrid hält den Dekarbonisierungspfad offen, ohne die gesamte Wirtschaftlichkeit an einen einzigen Infrastruktur- und Stromkostenpfad zu ketten. Das ist kein Rückzug. Es ist saubere Sequenzierung.
Vollstrom ist dann sinnvoll, wenn das Werk drei Nachweise sauber führen kann: erstens gesicherte elektrische Infrastruktur im Projektzeitraum, zweitens robuste Wirtschaftlichkeit über mehrere Strompreispfade, drittens ausreichende betriebliche Stabilität nach dem Umbau. Fehlt einer dieser Nachweise, wird aus einer ambitionierten Freigabe schnell ein teurer Belastungstest des Standorts.
Warten ist die schwächste Option, aber nicht immer falsch. Es ist rational, wenn Netzanschluss, Transformator oder belastbare Betriebsdaten kurzfristig nicht verfügbar sind und ein voreiliger Umbau die Linie für Jahre in eine fragile Kostenposition drückt. Warten darf dann aber nicht passiv sein. Es braucht einen klaren Vorarbeitsplan mit Infrastrukturklärung, Lastdaten und Triggern für die nächste Freigabe.
Welcher Wendepunkt zuerst geklärt werden muss
Der erste Wendepunkt ist nicht die Frage nach der besten Ofentechnologie, sondern nach der tragfähigen Strom- und Lastlogik des konkreten Werks. Wenn diese Logik offen ist, bleibt Vollstrom eine These. Wenn sie belastbar ist, wird aus der Technik eine Freigabeoption.
Deshalb sollten vor der Entscheidung mindestens diese Annahmen explizit dokumentiert werden:
- Strompreis nicht als Punktwert, sondern als mehrere plausible Pfade
- reale Jahresauslastung der Linie nach Anlaufphase
- gesicherte Anschluss- und Umbauzeiten statt Wunschtermine
- Kosten eines Qualitäts- oder Verfügbarkeitsrückschlags im Anlauf
Umbau jetzt gegen drei Strom- und Lastpfade prüfen
Der sinnvolle nächste Schritt ist keine weitere Grundsatzdebatte über Elektrifizierung. Sinnvoll ist eine kurze Szenarioanalyse, die den Umbau gegen wenige, aber harte Annahmen prüft: Strompreis, Auslastung, Netzreife und Umbaufenster. Wie diese Entscheidungslogik aufgebaut wird, steht im Vorgehen; der Rahmen der Unterstützung ist unter Leistungen beschrieben. Wenn Ihre Freigabe an genau diesen vier Punkten hängt, ist ein Decision Check der passende Einstieg: In 30 Minuten lässt sich klären, ob Vollstrom, Hybrid oder Warten im eigenen Werk die robustere Reihenfolge ist.
Quellen
- wienerberger — Full Year 2025 with strong profit increase – wienerberger further strengthens its renovation solutions business with the acquisition of Italcer, 2026-02-24
- European Commission / JRC — Mapping the transition of the EU ceramic industry to carbon neutrality, 2026-02-24
- Cerame-Unie — Alliance of Energy Intensive Industries Joint Position Paper on the EU Electrification Action Plan, 2026-02-24
- wienerberger — wienerberger launches Europe's ‘greenest’ brick production and sets new standards for sustainable construction, 2024-11-29
SC-06.01 · Erstgespräch

Gesprächspartner
Lars Schellhas van Kisfeld
Titel
M.Sc. RWTH Aachen
Rolle
Geschäftsführer, Schellhas Consulting
Fokus
Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit
Was steht wirklich zur Entscheidung? 30 Minuten, um das herauszufinden.
Das Ergebnis: ein schriftlicher Decision Check mit der eigentlichen Freigabefrage, den relevanten Tragfähigkeits- und Kipppunktdimensionen und einem konkreten nächsten Schritt. Ohne Projektauftrag.
Format
30 Minuten
Ziel
Freigabefrage eingrenzen
Ergebnis
Decision Check
Im ersten Gespräch höre ich zu, was die Entscheidungssituation ist. Danach ist klar, welche Investition, Sequenz oder welcher blockierende Kipppunkt zuerst auf den Tisch muss — und ich schicke Ihnen einen schriftlichen Decision Check.
- Welche Investitionsentscheidung liegt konkret auf dem Tisch?
- Was macht die Freigabe schwierig — Kostenvolatilität, Technologierisiko oder regulatorisches Timing?
- Was wäre ein nützliches Ergebnis externer Unterstützung?