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Stahl-Capex 2026: DRI, EAF oder CCS zuerst freigeben?

2026 zählt im Stahlwerk vor allem die Reihenfolge der Freigaben. Der Text ordnet DRI, EAF und CCS nach Infrastruktur, Versorgung und Risiko ein.

Veröffentlicht 28.03.2026

2026 entscheidet im Stahlwerk nicht nur die Technologie, sondern vor allem die Reihenfolge der Freigaben. Wer bei DRI, Elektrolichtbogenofen (EAF) oder Carbon Capture and Storage (CCS) die falsche Anlage zuerst genehmigt, bindet Kapital im falschen Stahlpfad und verliert Zeit bei Strom, Wasserstoff, CO₂-Transport und Genehmigungen.

Kurzfassung

Die neuen Einordnungen des Joint Research Centre machen 2026 klarer, dass Stahlpfade nicht nur an der Hauptanlage hängen, sondern an ihrer Infrastruktur. Für die erste große Freigabe gilt deshalb eine einfache Logik:

  1. Geben Sie zuerst Kapital für Vorinvestitionen frei, die mehrere Pfade offenhalten: Netzanschluss, Flächenlayout, Medienversorgung, Genehmigungsdesign, Datenraum und Umbaufenster.
  2. Geben Sie EAF-first frei, wenn Schrottqualität, Strombezug und Produktmix tragfähig sind. Dieser Pfad senkt Komplexität schneller als eine komplette DRI-Kette.
  3. Geben Sie DRI-first nur frei, wenn Wasserstoff- oder mindestens Übergangs-Gasbezug, Pelletspezifikation, Strom und Absatz für CO₂-ärmeren Stahl belastbar abgesichert sind.
  4. Geben Sie CCS-first nur frei, wenn der bestehende Hochofenpfad wirtschaftlich noch trägt und die CO₂-Kette vom Abscheider bis zur Speicherung vertraglich und terminlich glaubwürdig steht.

Wenn Sie die Freigabe nur auf die Hauptanlage fokussieren, unterschätzen Sie fast immer die nachgelagerten Engpässe. Relevant sind nicht nur Reaktor, Ofen oder Capture Unit, sondern auch Verdichtung, Wasser, Sauerstoff, Schrottlogistik, Stromprofil, Leitstände, Ersatzteile, Instandhaltung und Stillstandsplanung. Für stromintensive Vorstufen lohnt der Blick auf industrielle PPAs und auf unser strukturiertes Vorgehen für belastbare Freigabecases.

Kontext für deutsche Industrie

Die Standortfrage verschärft sich 2026. Die JRC-Faktenblätter machen Stahlpfade vergleichbarer. Laufende Förderfenster zeigen, dass große Stahlprojekte politisch gewollt sind, doch nicht jede Werkskonstellation passt gleich gut in diese Logik. Gleichzeitig treffen Umbauentscheidungen auf deutsche Brownfield-Realität: begrenzte Flächen, enge Revisionsfenster, lange Netzanbindung, heterogene Altanlagen und Lieferanten, die keine offenen Slots garantieren.

Für CFO und Werkleitung heißt das: Die Reihenfolge der Freigaben ist heute wichtiger als der Wunsch nach einem endgültigen Zielbild. Ein Werk kann sich mit einer zu frühen DRI-Freigabe an Wasserstoff und Eisenerzqualitäten binden, die der Standort noch nicht tragen kann. Es kann sich mit einer zu späten EAF-Entscheidung den schnelleren Zubaupfad verbauen. Und es kann mit CCS in eine CO₂-Kette investieren, die am Transport oder an der Speicherung scheitert. Zu diesem Punkt passt auch unser Beitrag zu CO₂-Transport bei CCS.

Entscheidungsraum

DRI plus EAF

Direct Reduced Iron (DRI) mit nachgeschaltetem EAF verschiebt den Stahlpfad fundamental. Sie ersetzen einen großen Teil der kohlebasierten Reduktion durch Erdgas- oder Wasserstoffpfade und elektrisches Schmelzen. Der Vorteil liegt in einer klaren Transformationslogik. Der Nachteil liegt in der Vorleistung: Sie brauchen gesicherte Elektrizität, geeignete Pellets, zusätzliche Medien, neue Sicherheitskonzepte, qualifiziertes Personal und oft erhebliche Umbauten im Materialfluss.

Dieser Pfad lohnt sich vor allem dann, wenn das Werk langfristig auf primärstahlnahe Qualitäten angewiesen bleibt und Schrott allein den Produktmix nicht trägt. Er scheidet als erste große Freigabe aus, wenn Wasserstoffmengen, Stromanschluss oder Rohstoffspezifikation 2026 noch nur als Absichtserklärung vorliegen.

EAF-first mit höherem Schrotteinsatz

Der JRC betont für den europäischen Stahlsektor die wachsende Rolle zirkulärer Pfade. Für viele Standorte ist EAF-first deshalb der robustere erste Schritt. Ein EAF greift zwar tief ins Werk ein, bindet aber oft weniger Kapital und weniger Infrastrukturkomplexität als eine komplette neue DRI-EAF-Kette. Er passt besonders dann, wenn Schrottzugang, Sortierung, Qualitätssicherung und Absatz für den resultierenden Qualitätsmix belastbar sind.

Der Pfad scheitert oft nicht an der Schmelztechnik, sondern an Details: zu schwankende Schrottqualität, fehlende Sortierlogik, Engpässe bei Legierungselementen, unzureichende Netzkapazität oder fehlende Sekundärmetallurgie. Genau dort kippt eine Wirtschaftlichkeitsrechnung oft erst im Vorprojekt. Zum Thema Netzengpass passt unser Beitrag Netzanschluss statt Technik: Wann Elektrifizierung scheitert.

CCS auf bestehender integrierter Route

CCS kann auf integrierten Standorten als Brückenpfad sinnvoll sein. Sie nutzen bestehende Primärstahl-Assets länger weiter und senken Emissionen dort, wo eine Prozessumstellung im aktuellen Investitionsfenster nicht realistisch ist. Der Pfad bindet oft weniger Kapital als eine komplette Neuordnung der Route. Diese Sicht ist aber nur dann belastbar, wenn Sie die volle Kette rechnen: Abscheidung, Reinigung, Trocknung, Verdichtung, Zwischenpuffer, Transportvertrag, Speicherzugang, Messkonzept und Langfristverantwortung.

CCS-first ist damit kein technischer Schnellschuss. Dahinter steckt ein Infrastrukturprojekt mit sehr hoher Abhängigkeit von Dritten. Wenn die CO₂-Kette nicht terminlich steht, schafft die Capture Unit keinen Wert.

Kostenlogik

Rechnen Sie 2026 nie nur Hauptanlagen gegen Hauptanlagen. Rechnen Sie Pakete.

Ein belastbarer Freigabecase trennt mindestens vier Ebenen:

  1. Kernanlage: DRI-Modul, EAF, Capture Unit.
  2. Standortinfrastruktur: Netzanschluss, Umspannwerk, Wasser, Sauerstoff, Stickstoff, Rohrbrücken, Verdichter, Lager, Brandschutz, Leitstand.
  3. Betriebsvorbereitung: Ersatzteile, Training, Instandhaltung, Qualitätsfreigaben, Anfahrverluste, Umlaufvermögen.
  4. Externe Schnittstellen: Wasserstoffabnahme, Stromvertrag, Pellet- oder Schrottlogistik, CO₂-Transport und Speicherzugang.

Die Förderkulisse kann einzelne Pakete mittragen. Die laufenden „Big tickets for Steel“ der Europäischen Kommission zeigen, welche Themen 2026 politisch priorisiert sind. Für die Freigabe ist trotzdem nur ein Grundsatz belastbar: Der Basisfall muss auch ohne Zuschuss verständlich bleiben. Der Förderfall verbessert Rendite und Timing. Er darf den Fall nicht erst künstlich erzeugen.

Trennen Sie außerdem strikt zwischen drei Phasen:

  • Scope: erste technische und wirtschaftliche Einordnung.
  • Vorprojekt oder Pilot: FEED-Niveau, Versorgungs- und Abnahmegespräche, erste Werksversuche.
  • Vollausbau: finale Hauptinvestition mit Termin- und Ausführungsrisiko.

Viele Fehlentscheidungen entstehen, weil Teams Pilotkosten mit Rolloutkosten verwechseln. Ein sechsmonatiges Vorprojekt mit Lieferantengesprächen, Lastgängen, Probenfahrten und Genehmigungsscoping ist keine Vollumsetzung. Es ist die Voraussetzung, um eine Vollumsetzung nicht falsch freizugeben.

Operative Voraussetzungen und Engpässe

Hier scheitert die Freigabe in der Praxis:

  • Strom: Anschlussleistung, Blindleistung, Netzausbau, Einspeise- und Lastprofile, PPA-Fähigkeit. Ein EAF ohne belastbaren Strompfad bleibt ein Papierprojekt.
  • Wasserstoff: Jahresmenge reicht als Kennzahl nicht. Sie brauchen Volumenprofil, Druck, Reinheit, Unterbrechungsregeln, Pönalen und Startdatum. Wer 2026 DRI diskutiert, sollte parallel den Wasserstoffbezug 2026 prüfen.
  • Schrott: Menge allein reicht nicht. Entscheidend sind Kupfer, Zinn, Reststoffe, Sortieraufwand und die Frage, ob Ihr Produktmix diese Qualität trägt.
  • CO₂-Infrastruktur: Bei CCS müssen Capture-Spezifikation und Transport-Spezifikation zusammenpassen. Sonst bauen Sie aneinander vorbei.
  • Genehmigungen: Brownfield-Umbauten scheitern oft an Nebenthemen wie Lärm, Verkehr, Wasserrecht, Baustellenlogistik oder Sicherheitsabständen.
  • Lieferkette: Lieferanten geben frühe Budgets oft schnell ab, aber verbindliche Slots viel später. Zwischen Budget und unterschriftsreifer Spezifikation liegen oft Monate manueller Bereinigung.

Hinzu kommen interne Reibungen. Einkauf führt Gespräche zu früh ohne geklärte Spezifikation. Das Werk plant Revisionsfenster ohne finale Lieferantendaten. Das Energiemanagement arbeitet mit anderen Lastannahmen als Finance. Die Rechtsabteilung sieht Vertragsrisiken erst spät. Genau deshalb braucht die Freigabe einen integrierten Datenraum statt isolierter Excel-Modelle. Auf Leistungen und in unserem Vorgehen ist beschrieben, wie wir diese Schnittstellen in einem belastbaren Entscheidungsprozess strukturieren.

Wer ist betroffen

CFO, Werkleiter, Einkauf, Energiemanagement und Rechtsabteilung müssen handeln, weil nur diese Rollen Kapital, Versorgung, Umbaufenster und Vertragsrisiken zusammenführen können.

Risiko- und Annahmenliste

Diese Einschätzung setzt voraus:

  • Das Werk entscheidet 2026 über erste große Freigaben, nicht über einen vollständig abgesicherten Endausbau.
  • Produktmix und Qualitätsanforderungen begrenzen den sofort möglichen Schrotteinsatz.
  • Strom-, Wasserstoff- und CO₂-Infrastruktur sind standortspezifisch noch nicht vollständig vertraglich fixiert.
  • Fördermittel können den Case verbessern, ersetzen aber keine tragfähige Basiswirtschaftlichkeit.

Die größten Risiken liegen damit offen auf dem Tisch: Preisrisiken für Strom, Wasserstoff und CO₂; Timing-Risiken bei Netz, Lieferanten und Genehmigungen; Stranding-Risiken bei zu früher Pfadbindung; und Lock-in-Risiken, wenn Übergangslösungen später den Zielpfad blockieren.

Entscheidungsfragen vor der Freigabe

Beantworten Sie vor der ersten großen Freigabe mindestens diese Fragen:

  1. Welche Versorgung ist vertraglich belastbar und welche nur politisch plausibel? Ohne echte Term Sheets oder Anschlussdaten darf kein Kernasset in die finale Freigabe.
  2. Welcher Produktmix zwingt zu Primärstahlpfaden und wo reicht mehr Schrott? Das ist kein Marketingthema, sondern eine metallurgische Ausschlussfrage.
  3. Welche Vorinvestition hält zwei Pfade offen? Netz, Flächenlayout, Medienversorgung und Genehmigungen können oft DRI, EAF und Teile von CCS vorbereiten.
  4. Trägt der Fall ohne Zuschuss und ohne grünen Preisaufschlag? Wenn nein, ist die Freigabe 2026 spekulativ.
  5. Welcher Exit-Pfad greift bei Verspätung? Bei DRI ist das oft Erdgasbetrieb als Übergang. Bei CCS ist es meist die Frage, ob die integrierte Route noch lange genug wirtschaftlich läuft.
  6. Was darf bei Freigabe noch offen bleiben? Ein enger EPC-Preisbandkorridor darf offen sein. Anschlussdatum, Rohstoffspezifikation und externe Transportkette dürfen nicht offen bleiben.

Realistische Phasenlogik

Für ein deutsches Brownfield-Stahlwerk ist diese Zeitschiene realistisch, wenn Datenzugang und Werksressourcen verfügbar sind:

  • Erster Scope: 8 bis 12 Wochen. Mass- und Energiebilanzen, Versorgungsengpässe, Grobcapex, Förder- und Genehmigungscheck, erste Ausschlusskriterien.
  • Vorprojekt oder Pilot: 4 bis 9 Monate. Lieferantengespräche, FEED, Netz- und Medienanfragen, Probenfahrten, Rohstofftests, CO₂-Spezifikation, Vertragsentwürfe, Investitionslogik mit Sensitivitäten.
  • Belastbarer Rollout: 30 bis 60 Monate. Das gilt für Brownfield-Komplexität mit Umbaufenstern, Lieferzeiten und externer Infrastruktur. Einfache Aussagen wie „in zwei Jahren umgesetzt“ blenden meist die Hälfte der Arbeit aus.

Wenn Sie 2026 nur eine Freigabe durchbringen, dann priorisieren Sie zuerst den Scope und die pfadoffenen Vorleistungen. Sie verlieren damit kaum Optionen. Sie verhindern aber, dass ein einzelnes Großasset später den ganzen Standort bindet.

Handlungsoptionen

Für 2026 lassen sich meist drei robuste Varianten unterscheiden:

  1. EAF-first: sinnvoll bei tragfähigem Schrottzugang, ausreichend Strom und passendem Produktmix. Das ist oft der schnellere Reduktionspfad mit geringerer Pfadbindung.
  2. DRI-prep jetzt, DRI-FID später: sinnvoll, wenn das Werk langfristig Primärstahlqualität braucht, Wasserstoff aber 2026 noch nicht hart genug abgesichert ist. Dann investieren Sie zuerst in pfadoffene Infrastruktur und Design.
  3. CCS-bridge: sinnvoll bei bestehender integrierter Route mit Restlaufzeit und glaubwürdiger CO₂-Kette. Das ist eine Brücke, kein automatischer Endzustand.

Die robusteste Option unter den definierten Szenarien ist 2026 meist nicht „eine Technologie zuerst“, sondern „zuerst pfadoffene Infrastruktur, dann das Kernasset mit den geringsten externen Unbekannten“. In vielen deutschen Werken heißt das praktisch: EAF-first oder DRI-prep-first. CCS-first bleibt standortabhängig und fällt ohne sichere Transport- und Speicherlogik schnell aus dem Freigabekorridor.

Jetzt die Freigabemappe in 8 Wochen belastbar machen

Wenn Ihr Werk 2026 DRI, EAF oder CCS prüfen muss, setzen Sie zuerst einen 8- bis 12-Wochen-Scope auf. Der nächste sinnvolle Meilenstein ist kein Großauftrag, sondern eine Freigabemappe mit Ausschlusskriterien, Sensitivitäten, Vorinvestitionen und Exit-Pfaden. Wie wir diesen Entscheidungsrahmen strukturieren, steht auf Vorgehen und Leistungen.

Quellen

  1. Joint Research Centre — Industrial decarbonisation in the EU: what emerging technologies need funding?, 2026-03-11
  2. Joint Research Centre — Forging a more circular and sustainable EU steel industry, 2025-10-14
  3. European Commission / Research Executive Agency — Big tickets for Steel, 2026-02-17