NW-2026-49C6 · Fachartikel
Zement-CCS: Welche Reihenfolge vor der FID trägt
Vor der FID trägt Zement-CCS nur, wenn Werk, Transportzugang und CO₂-Menge in der richtigen Reihenfolge gesichert werden. Der Text zeigt die Freigabefrage für CFO und Werkleitung.
Veröffentlicht 12.04.2026
Zement-CCS, also Carbon Capture and Storage, trägt vor einer FID, also einer Final Investment Decision, nur dann wirtschaftlich, wenn das Werk nicht zu früh die falschen Vorleistungen bindet. Die eigentliche Entscheidung liegt heute meist nicht in der Capture-Technik selbst, sondern in der Reihenfolge: Erst die irreversiblen Schnittstellen und der Transportzugang sichern, oder erst den Klinker- und Energiepfad so weit klären, dass die spätere Capture-Größe belastbar wird.
Der Druck ist real. Holcim hat Ende Februar 2026 den nächsten GO4ZERO-Schritt mit Air Liquide fixiert. Gleichzeitig läuft die Umbauphase weiter und soll laut Holcim bis H1 2027 umgesetzt sein. Für CFO und Werkleitung heißt das: Kapital wird nicht in einem geschlossenen Projektfenster freigegeben, sondern in mehreren Stufen mit offenen Partner-, Infrastruktur- und Terminabhängigkeiten.
Die Managementfrage lautet deshalb nicht „CCS ja oder nein?“, sondern: Welche Vorleistungen müssen jetzt in den Capex-Pfad, damit die CCS-Option offen bleibt, und welche Freigaben sollten erst folgen, wenn CO₂-Menge, Transportkette und Werksumbau zusammenpassen?
Kurzfassung
- Das Abkommen zwischen Air Liquide und Holcim markiert einen wichtigen Projektschritt, ersetzt aber keine vollständige Gesamt-FID.
- Der Fall ist groß genug, dass eine falsche Reihenfolge teuer wird: Air Liquide nennt rund 1,1 Mio. Tonnen CO₂ pro Jahr als Projektgröße.
- Die Capture-Logik hängt an einer neuen oxyfuel-ready Linie und damit an Werksumbau, Integration und Zeitfolge, nicht nur an der Abscheidungseinheit.
- Holcim beschreibt GO4ZERO als laufende Umbauphase bis H1 2027. Das trennt Vorleistung, Umbau und spätere Vollfreigabe sauber voneinander.
- Die kritischste Unsicherheit liegt nicht nur in den Capture-Kosten, sondern im Zugang zu Transport und Speicherung sowie in der Abstimmung mit den Partnern.
- Der politische Rahmen bewegt sich in die richtige Richtung: Die EU-Kommission spricht mit der Zementindustrie über Low-Carbon-Labels, öffentliche Beschaffung und eine Industrial Decarbonisation Bank. Das verbessert den Rahmen, ersetzt aber keine belastbare Projektlogik.
- Für die meisten Werke ist deshalb eine sequenzierte Freigabe robuster als ein früher Vollzugriff auf den gesamten CCS-Capex.
Was jetzt entschieden werden muss
Die Freigabefrage ist enger, als viele Projektunterlagen es aussehen lassen. Es geht nicht darum, ob das Werk langfristig CO₂ abscheiden könnte. Es geht darum, welche Teile des Pfads heute schon irreversibel vorbereitet werden müssen, damit später keine strategische Sackgasse entsteht.
In der Praxis trennen sich drei Ebenen.
Erstens: Vorleistungen am Standort, die an die Umbauphase gekoppelt sind. Wenn Leitungswege, Flächen, Medienanschlüsse oder bauliche Schnittstellen nur im laufenden Werksumbau sinnvoll mitgedacht werden können, entsteht ein echter Zeitdruck.
Zweitens: Bindungen außerhalb des Werks. Dazu gehören Transport- und Speicherzugang, die Partnerlogik und die Frage, ob das Projekt in der vorgesehenen Zeit tatsächlich an eine funktionierende Kette angeschlossen werden kann. Genau diese Außenabhängigkeiten entscheiden oft früher über die Robustheit als die Technik im Werk. Wer die Transportseite unterschätzt, landet schnell bei einem formal vorbereiteten Capture-Projekt ohne belastbaren Abfluss. Die gleiche Logik zeigt auch der Beitrag CO₂-Transport bei CCS: Wann Projekte scheitern.
Drittens: werksseitige Entlastungshebel. Wenn Klinkerpfad, Auslastung, Energiebedarf und Restemissionen noch in Bewegung sind, ist jede frühe Capture-Dimensionierung fragil. Dann wird eine große FID auf ein Basisszenario gebaut, das schon vor der Inbetriebnahme veraltet sein kann.
Die saubere Managemententscheidung lautet daher: Welche Vorleistungen sind jetzt wirklich zeitkritisch, und welche Capture-Bausteine dürfen erst nach einer belastbaren CO₂-Mengen- und Infrastrukturprüfung folgen?
Warum der Fall wirtschaftlich kippen kann
Der Business Case kippt bei Zement-CCS selten an nur einer Kennzahl. Er kippt dort, wo mehrere Annahmen gleichzeitig zu optimistisch gesetzt werden.
Erster Kipppunkt: die verfügbare CO₂-Menge. Air Liquide nennt eine Größenordnung von 1,1 Mio. Tonnen CO₂ pro Jahr. Für den Business Case ist diese Zahl nur dann tragfähig, wenn die Menge nach Werksumbau, Anfahrkurve und Klinkerstrategie tatsächlich verfügbar bleibt. Sinkt die erfasste Menge oder verschiebt sich die Hochlaufphase, verteilt sich Capex auf weniger Tonnen.
Zweiter Kipppunkt: die Außenkette. Capture im Werk ist nur der Anfang. Wenn Transport oder Speicherzugang später kommen als geplant, steht Kapital im Werk, ohne dass der Gesamtpfad läuft. Das ist kein Randrisiko, sondern ein zentrales Freigabekriterium.
Dritter Kipppunkt: die Zeitfolge des Werksumbaus. Holcim beschreibt GO4ZERO als laufende Umbauphase bis H1 2027. Das ist wichtig, weil Schnittstellen in dieser Phase günstiger oder überhaupt erst baubar sein können. Wer zu lange wartet, riskiert teure Nacharbeiten. Wer zu früh alles festzieht, bindet sich an Annahmen, die der Umbau noch verändert.
Vierter Kipppunkt: die Erlös- und Förderlogik. Der politische Rückenwind ist sichtbarer geworden. Die Kommission adressiert die Zementindustrie inzwischen ausdrücklich mit Themen wie Low-Carbon-Labels, öffentlicher Beschaffung und einer Industrial Decarbonisation Bank. Das kann Nachfrage und Finanzierungsfähigkeit verbessern. Es ist aber noch kein Ersatz für einen Belastungsfall ohne idealen Absatzpfad.
Deshalb reicht ein einzelnes Basisszenario nicht. Erforderlich ist eine Szenarioanalyse, in der mindestens CO₂-Menge, Infrastrukturtermin, Auslastung und Erlösannahmen gemeinsam getestet werden. Wer tiefer in die allgemeine Dekarbonisierungslogik der Branche einsteigen will, findet den Rahmen in Zement dekarbonisieren: Kosten und Technologien.
Handlungsoptionen im Vergleich
Die robuste Antwort ist meist nicht „alles jetzt“ und auch nicht „erst einmal abwarten“. Für die meisten Werke tragen drei reale Optionen.
1. Vorleistungen jetzt binden
Diese Option ist sinnvoll, wenn der laufende Werksumbau einmalige Integrationsfenster öffnet und der Verlust dieser Fenster später deutlich teurer wäre. Dann können Flächen, Schnittstellen und bestimmte Medienanbindungen heute rational sein.
Der Haken liegt im Kapitalpfad. Wer zu viele Vorleistungen vorzieht, macht aus einer offenen Option schleichend eine faktische Vollfreigabe. Das erhöht das Downside-Risiko, wenn Transportzugang oder Partnerpfad später nicht in derselben Zeitlogik nachziehen.
2. Sequenziert vorgehen
Das ist in vielen Fällen die robusteste Variante. Das Werk bindet nur die Vorleistungen, die im laufenden Umbaufenster wirklich zeitkritisch sind. Die großen Capture-Pakete bleiben an klare Gates gebunden: belastbare CO₂-Mengenbilanz, dokumentierter Transport- und Speicherpfad, abgestimmte Partnerrollen und ein tragfähiger Belastungsfall.
Der Vorteil ist nicht nur geringer Risikoaufschlag. Diese Sequenz hält auch die Möglichkeit offen, den Capture-Umfang nach dem finalen Klinker- und Energiepfad sauber zu dimensionieren. Genau so wird aus einer technischen Option eine boardfähige Investitionsentscheidung.
3. Zuerst Klinker- und Energiehebel stärken
Diese Option reduziert das Risiko eines überdimensionierten Capture-Pfads. Sie ist stark, wenn im Werk noch erhebliche Unsicherheit über Restemissionen, Auslastung oder Energieintegration besteht.
Ihr Nachteil ist strategisch. Wer zu lange nur auf Senkung setzt, kann Infrastrukturfenster verpassen oder spätere Integrationskosten erhöhen. Dann wird ein scheinbar vorsichtiger Kurs am Ende teurer als eine begrenzte Vorleistung heute.
Arbeitsurteil: Wenn Infrastrukturzugang und Partnerpfad noch nicht belastbar stehen, ist eine sequenzierte Freigabe meist robuster als eine frühe Vollbindung. Wenn der laufende Umbau jedoch einmalige Schnittstellen öffnet, sollte das Werk gezielt diese Vorleistungen sichern und den Rest an harte Freigabekriterien koppeln.
Was am Standort oder im Werk geprüft werden muss
Vor der FID muss das Werk die Integrationsrealität klären, nicht nur die Capture-Idee. Fünf Prüffelder entscheiden.
- CO₂-Massenbilanz nach Umbau: Welche Restemissionen bleiben nach der vorgesehenen Klinker- und Produktionslogik tatsächlich für Capture übrig?
- Zeitkritische Schnittstellen: Welche baulichen, verfahrenstechnischen oder medienseitigen Vorleistungen lassen sich nur in der laufenden Umbauphase wirtschaftlich mitnehmen?
- Energie- und Medienbedarf: Wie verändern sich Strom-, Wärme- und Medienanforderungen durch den Capture-Pfad, und welche Netz- oder Versorgungsfolgen entstehen daraus?
- Außenkette und Übergaben: Wer verantwortet ab welchem Übergabepunkt Transport, gegebenenfalls Zwischenlogistik und Speicherzugang? Wo liegen Haftungs- und Terminschnittstellen?
- Stop-Kriterien: Bei welchen Termin- oder Kostenabweichungen wird die nächste Freigabestufe bewusst nicht gezogen?
Diese Prüfung ist keine Detailplanung. Sie ist die minimale Grundlage für eine robuste Investitionsreihenfolge. Die Methode dahinter ist keine lineare Einmalrechnung, sondern eine strukturierte Szenarioanalyse mit expliziten Annahmen. Genau diese Logik ist unter Vorgehen beschrieben.
Warum das vor allem den CFO betrifft
Die technische Logik liegt im Werk, die Freigabelogik aber beim Kapitalpfad. Der CFO muss trennen, welche Mittel heute eine Option sichern und welche Mittel bereits ein offenes Infrastruktur- und Partnerrisiko in die Bilanz ziehen.
Wenn diese Trennung fehlt, kippt die Diskussion schnell in zwei falsche Lager. Entweder das Projekt wird als unvermeidbar behandelt und damit zu früh beschleunigt. Oder jede Vorleistung wird als voreilige Festlegung blockiert. Beides ist teuer.
Welche Annahmen dokumentiert werden müssen
Eine verteidigbare FID entsteht nicht aus einer großen Excel-Datei, sondern aus sauber dokumentierten Annahmen. Für Zement-CCS gehören mindestens diese Punkte in den Entscheidungsrahmen:
- Welche CO₂-Menge steht nach Umbau, Auslastung und Klinkerpfad real zur Verfügung?
- Welche Teile des Capex sind vor der Voll-FID irreversibel, und welche lassen sich später noch verschieben?
- Welcher Termin für Transport- und Speicherzugang wird angenommen, und wie belastbar ist dieser Termin?
- Welche zusätzlichen Energie- und Medienkosten entstehen im Standortmodell?
- Welche Erlös-, Förder- oder Absatzannahmen verbessern den Fall, und wie sieht der Fall ohne diese Verbesserungen aus?
Erst wenn diese Annahmen explizit sind, wird aus einer Technikdiskussion eine belastbare Freigabefrage.
Welche Fragen intern auf den Tisch müssen
Diese Fragen gehören vor die nächste Vorstandsvorlage:
- Welche Vorleistungen verlieren wir, wenn wir bis nach der Umbauphase warten?
- Welche Vorleistungen wären bei verschobenem Transportzugang bereits versunkene Kosten?
- Auf welcher CO₂-Menge basiert die aktuelle Dimensionierung, und wie sensibel ist sie gegenüber dem Klinkerpfad?
- Welche Annahmen zur Auslastung sind im Business Case stillschweigend enthalten?
- Wer trägt welches Terminrisiko an der Schnittstelle zwischen Werk und Außenkette?
- Welche Partnerabhängigkeiten sind technisch, welche vertraglich und welche politisch geprägt?
- Welche Freigabe braucht das Werk jetzt, und welche Entscheidung kann bewusst in die nächste Stufe verschoben werden?
- Welche Stop-Kriterien gelten, wenn Infrastruktur oder Unterstützung später kommen als geplant?
- Welche Alternative bleibt offen, wenn der CCS-Pfad zeitlich rutscht?
- Welcher Belastungsfall ist für CFO und Geschäftsführung noch akzeptabel?
Wenn diese Fragen nicht schriftlich beantwortet sind, fehlt meist nicht Technik, sondern Entscheidungsdisziplin.
Was zuerst, was später
Die sinnvolle Phasenlogik trennt Optionserhalt von Vollbindung.
Jetzt: Freigabefrage schärfen, CO₂-Mengenbilanz nach Umbau und Klinkerpfad dokumentieren, zeitkritische Vorleistungen identifizieren.
Als nächste Stufe: Nur die Vorleistungen freigeben, die im laufenden Umbaufenster später unverhältnismäßig teuer würden oder technisch verloren gingen.
Vor der Gesamt-FID: Transport- und Speicherzugang, Partnerrollen, Hochlauf-Logik und Belastungsfall gemeinsam verifizieren.
Für Hochlauf und Rollout: Stop-Kriterien, Terminreserven und Verantwortlichkeiten an jeder Schnittstelle festziehen. Gerade bei mehrstufigen Projekten ist das wichtiger als eine formal saubere, aber praktisch zu frühe Vollfreigabe.
Das Grundmuster ist klar: erst die Option robust machen, dann den großen Capex ziehen.
Decision Check zur FID-Reihenfolge im Zementwerk
Wenn Ihr Werk zwischen Capture-Vorleistung, Transportzugang und Klinkerpfad festhängt, bringt ein weiterer allgemeiner Überblick wenig. Sinnvoll ist ein Decision Check: In 30 Minuten wird die eigentliche Freigabefrage geschärft. Danach folgt ein kurzes schriftliches Dokument mit den tragenden Annahmendimensionen und dem konkreten nächsten Schritt.
Wenn die Lage bereits konkret ist, zeigt der Überblick zu den Leistungen, ob eher eine Robustheitsanalyse oder eine breiter angelegte Szenariostrategie passt. Für Zement-CCS lautet die Arbeitsfrage fast immer gleich: Welche Vorleistungen sichern heute Option und Robustheit, ohne bereits den gesamten offenen Infrastrukturpfad vorweg zu finanzieren?
Quellen
- Air Liquide — Air Liquide and Holcim sign an agreement to decarbonize cement production with a carbon capture project in Belgium, 2026-02-27
- Holcim — Excellent 2025 results, double-digit recurring EBIT growth with industry-leading margin of 18.3%, 2026-02-27
- European Commission – DG Climate Action — Commission holds a high-level policy dialogue on the future of the cement industry in Europe, 2026-03-25
SC-06.01 · Erstgespräch

Gesprächspartner
Lars Schellhas van Kisfeld
Titel
M.Sc. RWTH Aachen
Rolle
Geschäftsführer, Schellhas Consulting
Fokus
Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit
Was steht wirklich zur Entscheidung? 30 Minuten, um das herauszufinden.
Das Ergebnis: ein schriftlicher Decision Check mit der eigentlichen Freigabefrage, den relevanten Tragfähigkeits- und Kipppunktdimensionen und einem konkreten nächsten Schritt. Ohne Projektauftrag.
Format
30 Minuten
Ziel
Freigabefrage eingrenzen
Ergebnis
Decision Check
Im ersten Gespräch höre ich zu, was die Entscheidungssituation ist. Danach ist klar, welche Investition, Sequenz oder welcher blockierende Kipppunkt zuerst auf den Tisch muss — und ich schicke Ihnen einen schriftlichen Decision Check.
- Welche Investitionsentscheidung liegt konkret auf dem Tisch?
- Was macht die Freigabe schwierig — Kostenvolatilität, Technologierisiko oder regulatorisches Timing?
- Was wäre ein nützliches Ergebnis externer Unterstützung?